Werkstatt
03 - Höllental
Aber es half alles nichts. Brecht musste. Brecht musste den gigantischen Blick aus dem Abteilfenster einen gigantischen Blick sein lassen, der den anderen die Augen fesselte, der die Münder hatte aufklappen und alle Gespräche verstummen lassen. Brecht musste.
Er riss sich los vom Anblick in die Höhe und Tiefe der Höllenfelsen, ruderte nach hinten durchs Abteil und fand die WC-Tür gottlob unverschlossen. Das Fensterglas diskret milchig eingetrübt, so dass man nicht hinein-, aber auch nicht hinausblicken konnte. Während Brecht sich, der Hosen entledigt, niederließ und eben die Legende von diesem weißen Hirsch Revue passieren lassen wollte, die der junge, in Freiburg zu ihnen gestoßene Schneider zum Besten gegeben hatte. Die Geschichte von dem Hirsch, der vor den Jägern die Furcht ergriff und in panischer Todesangst das Unmögliche wagte, zum Sprung über die Klamm ansetzte. Dem gelang, was eigentlich nicht gelingen konnte. Der auf dem gegenüberliegenden Felskopf landete, in Sicherheit, in der Freiheit, im Leben. Nicht der kleinste Blutfleck auf der blütenweißen Weste seines Fels. Doch noch während Brecht das Bild vor seinem inneren Auge auskosten wollte, wurde es dunkel – stockfinster. Wurde ihm pechschwarz vor Augen. Wieso? Warum das? Zum Teufel, der da draußen, da unten zwischen den Felsen in seiner Hölle schmoren mochte. Wie denn soll man im Dunkeln auf dem Porzellan …