Werkstatt

03 - Verabredung

Else hatte den überschwänglichen Dank des Alten noch im Ohr. Es waren nun doch keine drei, dreieinhalb Reisekoffer, sondern zwei Kisten. Der Gepäckträger, den er gebucht hatte, hatte die zwei bleischweren Holzkisten raufgeschleppt und in ihrer winzigen Küche abgestellt. Woraufhin sie ihre Obst- und Gemüsevorräte und die Hälfte des Geschirrs auf den unscheinbaren Holzkisten drapierte. Alles wirkte, als müsste es so sein. Exilalltag eben. Man half sich mit Platz zum Abstellen und Einlagern aus. Keinen Gedanken verschwendete Else darauf auszurechnen, welche Reichtümer sie da unter der Tüte Karotten beherbergte.

Die Tage gingen ins Land. Der Gegenbesuch stand an; sie machte sich den Weg zur angegebenen Adresse. Ohne große Umstände fand sie das Haus, sein Namensschildchen. Mehr der Form halber betätigte sie den Türklopfer. Sie tat es und wusste doch, dass es vollkommen zwecklos war. Das Gepolter galt nur der Haustür; aber er wohnte doch im zweiten Obergeschoss. Trotzdem, was blieb ihr anderes, als zu klopfen! Zu poltern. Und ein schüchterner Versuch zu rufen, seinen Namen zu den Fenstern oben zu schicken.
Nichts rührte sich. Nicht mal die Gardinen gerieten in Bewegung. Dabei war sie unglaublich pünktlich, wie ihr eben im Vorübergehen die Bahnhofsuhr noch bestätigt hatte. War sie schon jemals so pünktlichgewesen? Sie wandte sich ab. Dachte nach. Und nach. Entschloss sich zu gehen. Als die Haustür aufging. Eine Frau mittleren Alters trat aus dem Haus, musterte Else von Kopf bis Fuß. »Was veranstalten Sie hier für ein Geschrei?!«
»Pardon, Tschuldigung, aber …«
»Der ist nicht mehr.«
»Wer?«
»Der, nach dem Sie hier so lauthals krähen.«
Else schoss das Blut aus dem Gesicht. »Sicher?«, fragte sie noch. Der Form halber.
»Gibt's nicht mehr. Gestorben. Ganz normal.« »Ganz normal?«
Aber seine Nachbarin hatte sich schon abgewendet, murmelte tatsächlich noch sowas wie ein »Tut mir leid« daher und holte energischen Schritts aus.
Else stand da. Bestellt und nicht abgeholt. Sie stand da, und er war nicht mehr.

– Warum? Klar, die Frage aller Fragen, die muss sie sich stellen, die musst du ihr mit auf den Weg geben, da kannst du sie sich nicht drumrum winden lassen: Warum nur? Weshalb müssen sich in diesem Leben so oft alle Träume in griesegrauer Luft auflösen? Ohne Hoffnung kann kein Mensch leben. Auch sie nicht, sie ganz besonders nicht. Irgendwo hast du gelesen, dass sie sich geboren fühlte, um Hoffnung zu haben. Ihre ganze Schreiberei ist Hoffnung, ein einziger Ruf nach Traumwirklichkeiten, ein Fantasiegelächter, ein Wunschblick hinauf zum Hoffnungsschimmer. Auch ein Lechzen nach Geistesverwandtschaft, nach Sinnesbrüdern und -schwestern. Und jetzt hatte sie endlich wieder das Gefühl, ein ganz besonderer … aber wie gewonnen, so zerronnen. Dabei, natürlich hat sie nur sich selber im Blick, denkt nur an sich. An ihr Trauerspiel. Aber was ist mit dem Alten? Ist er den immer und von jedem erträumten Tod gestorben? Ganz normal die Augen zugetan und nicht wieder geöffnet. Der Morgen, an dem man einfach nicht mehr aufwacht, nicht mehr raus ins Leben tritt. Weil es hinter einem liegt. Oder hatte er Schmerzen, hat er gelitten? Atemnot, wie so oft, wenn er Treppen steigen musste. Die Katastrophe des Luftholens wie bei ihrem Päule? Luft holen, wenn zwar Luft da ist, Luft jede Menge, jede Masse, aber man kriegt sie einfach nicht geholt, kann sie nicht abholen, nicht an Land ziehen. War's das, was ihm den Garaus gemacht hat?
Fragen, die du ihr nicht beantworten kannst.
Mit denen du sie allein lassen musst.
Aus ganzem Herzen wünscht sie ihm, natürlich, dass er einen ganz normalen Tod erwischt hat. Aber sie weiß ja, wie das so ist mit ihren verhexten Wünschen, die sich im Vollzug in ihr Gegenteil verkehren, die sie aus der thebenbunten Hoffnung direkt in die graue Enttäuschung schicken.
Trotzdem kannst du sie natürlich wünschen lassen, genug von da, der Vorrat ist unbegrenzt, so viel sie wünschen will. Aber der traurigbittre Verlust bleibt. Die Traumblase zerplatzt in tausend Fetzen, in tausend Splitter, an denen sie sich schneidet, wenn sie versucht, sie aufzuklauben. Also lässt sie sie liegen. Und du ebenfalls. –

Else ging. Es war kalt geworden. Kalt an diesem frühen Abend in Jerusalem.

von Ulrich Land (Kommentare: 0)

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